Eine erlesene Wanderung
Was liest man vor, wenn man eine literarische Wanderung auf dem Feldberg gestalten soll, und das gemeinsam mit dem Naturpark Südschwarzwald jetzt schon zum dritten Mal? Eins lag natürlich nahe: einen Ausschnitt aus dem schönen Buch "Winteräpfel" von Heidi Knoblich auszuwählen. Da geht es um Fanny Mayer, die legendäre Feldbergwirtin. Sie hat Gäste aus England.
Sie rühmen die frische Luft und die sonnigen Tage. Ihre Männer tragen Fräcke zum Abendessen, was neulich Schwarzwälder Naturburschen dazu verleitet hat, sie auszupfeifen. Dieses Thema wurde ausführlich in den Zeitungen diskutiert. (...) Mr. Smith, ein englischer Botaniker, kann die Speisekarte nicht lesen und bittet um ihre Hilfe. Es gibt Zunge in Burgundersoße, doch ihr fällt das englische Wort nicht ein. Sie überlegt lange, bis sie dann die Zunge herausstreckt und auf sie deutet. Ah, Mr.Smith hat verstanden und lacht. „Ich frage mich gerade, was du getan hättest, wenn es Schinken gegeben hätte", sagt Carl im Vorbeigehen.
(Heidi Knoblich, Winteräpfel, Lahr 2003, 10. Auflage Tübingen 2024). Hier zu bestellen
Diese Tafel erinnert am Feldberger Hof an Fanny Mayer.
Wer meine Schwäche für Gereimtes kennt, wird sich nicht wundern, dass da auch allerlei im Angebot war. Zum Beispiel Eugen Roth:
- „Weiß nit woher, weiß nit wohin
- Mich wunderts, daß ich fröhlich bin!"
- So sagte einst der Wandersmann.
- Wer heute reist, oft sagen kann:
„Weiß nit, woher', weiß nit, wozu - Mich wunderts, daß ichs trotzdem tu!"
Klar, auf dem Gipfel - in diesem Fall dem Seebuck - muss es schon Goethe sein. Allerdings war er nie auf dem Feldberg. Oder doch? Die KI macht's möglich, bildlich - Goethe am Feldsee - und textlich: Goethe auf dem Seebuck,
Am Seebuck, wo der Schwarzwald sich hebt und die Lüfte freier werden, empfängt den Wanderer eine eigentümliche Stille. Die dunklen Tannen weichen dem offenen Berg, und über den Höhen liegt das Licht gleich einer stillen, göttlichen Ordnung. Fern unten ruht der Feldsee, tief und dunkel, als bewahre er ein Geheimnis der Erde. Ich verweilte lange und sah, wie Wolken über die Hänge zogen und Sonne und Schatten miteinander wechselten. Hier, dachte ich, zeigt sich die Natur nicht als bloße Landschaft, sondern als lebendige Gestalt. Wer sie aufmerksam betrachtet, erkennt in ihr zugleich die äußere Welt und einen Spiegel des eigenen Gemüts.
Dann war da noch dieser Vierzeiler von Ernst Jandl:
- Wir sind die menschen auf den wiesen
- bald sind wir menschen unter den wiesen
- und werden wiesen, und werden wald
- das wird ein heiterer landaufenthalt
Zu unserem Landaufenthalt gehörte natürlich auch ein Ausschnitt aus dem Werk von Johann Peter Hebel, aus der "Vergänglichkeit". Allerdings weniger heiter, sondern beklemmend aktuell:
- Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, - as wie zwee alti Türn,
und zwische drin - isch alles use brennt,
bis tief in Boden abe. - D'Wiese het kei Wasser meh,
- 's isch alles öd und schwarz,
und totestill, so wit me luegt. - Das siehsch, und seisch
- di'm Kamerad, wo mitder goht:
- "Lueg, dört isch d'Erde gsi,
- und selle Berg het Belche gheiße!“
Und noch etwas Selbstgereimtes - wir waren ja schließlich in der Nähe des Wichtelpfads am Feldberg...
- Ein Mann am Feldberg will was dichten,
- er freut so sehr sich an den Wichten.
- Moment, sagt man dazu nicht: Wichteln?
- Schon, doch dann hieß der Reim ja Dichteln.
- was für Gedichte passt mitnichteln.
- Ach Unsinn, da sagt man mitnichten
- "itnichteln", höchstens mal beim Dichten!
- Doch hört im Moos man von den Wichteln:
- "Wir wolln Gedichte und kein Dichteln!"
- Der Mann versucht es noch zu richteln,
- mit kleinen wichtligen Geschichteln,
- versagt jedoch komplett am Berge.
- Jetzt schreibt im Tal er über Zwerge.